Alltagsheld:innen?
Editorial der Orientierung 1/26
Die erste Ausgabe der Orientierung in 2026 beschäftigt sich mit dem Thema "Mitarbeitende". In meinem Editorial setze ich mich mit der Frage auseinander, ob statt warmer Worte nicht gute Rahmenbedingungen die Anerkennung transportieren, die die Menschen verdienen.
Es ist erstaunlich, wie oft man in der Eingliederungshilfe von „Alltagsheldinnen" und „stillen Helden“ liest. Das klingt warm, fast rührend. Bis man merkt, dass der Applaus vor allem eins ersetzt: Geld, Zeit und politische Entscheidungen. Die Heldenerzählung hat Tradition. Held:innen springen ein, wenn Strukturen wanken. Sie retten, was gar nicht hätte in Not geraten dürfen. Man erkennt sie daran, dass sie später nach Hause gehen, weil Personalschlüssel mit dem Alltag kollidieren. Und daran, dass sie es angeblich gern tun.
Politisch betrachtet ist das Heldennarrativ ein Sparprogramm, das nichts kostet. Held:innen kompensieren. Held:innen halten durch. Held:innen beschweren sich ungern. Sie zeigen keine Schwäche. Sie ruhen nicht, sie zweifeln nicht. Bis sie es doch tun – und dann gleich mehrere Monate. Die Statistik nennt das Ausfalltage. Fachlich betrachtet ist es Erschöpfung.
Dabei ist ihr Auftrag so wichtig: Teilhabe ermöglichen. Das braucht Zeit für Beziehungen, für kleine Schritte, für selbstbestimmte Wege. Teilhabe ist keine heroische Rettungstat, sondern eine kontinuierliche, professionell begleitete Entwicklung. Sie entsteht weder aus spontaner Opferbereitschaft noch aus moralischem Überschwang, sondern aus Qualifikation, verlässlichen Teams und Rahmenbedingungen, die Stabilität erlauben. Wo Teilhabe zur Heldentat verklärt wird, ist sie als Regelleistung bereits in Gefahr.
Interessant wäre es, das Wort „Held" in den politischen Reden durch „Fachkraft mit guten Rahmenbedingungen" zu ersetzen. Wahrscheinlich würde das Haushaltsausschüsse nervös machen. Es wäre allemal ehrlicher, klüger und menschlicher, die professionelle Normalität anzuerkennen: Fachkräfte haben Grenzen. Teams müssen auch mal Nein sagen. Organisationen sollten deren Leistungen absichern, statt heroisch zu improvisieren. Denn ein gutes System erkennt man nicht daran, dass es Held:innen hervorbringt, sondern daran, dass es sie nicht braucht. Wir müssen aufhören, Menschen zu überhöhen, und anfangen, Bedingungen zu verbessern. Teilhabe gelingt nicht durch Pathos, sondern durch Präsenz. Dafür braucht es keine Held:in. Eine angemessene Finanzierung reicht völlig.