Sozialraum - Orientierung 4/26 erschienen

Sozialraum - Orientierung 4/26 erschienen

Die neue Ausgabe der ORIENTIERUNG ist erschienen. Das Schwerpunktthema lautet diesmal "Sozialraum"! Es finden sich wissenschaftliche Beiträge von Wolfgang Hinte, Dieter Röh, Albrecht Rohrmann und Annika Kuhlmann, die die Grundlagen bis zur Digitalisierung beleuchten. In den Praxisbeiträgen werden Erfahrungen geteilt, die die eigene Arbeit anregen und Impulse setzen.

Im Editorial habe ich eine kleine Phänomenologie meiner Sozialräume angeboten. Wer es lesen möchte, findet es hier. Die komplette Ausgabe kann auch als E-Paper gelesen werden ORIENTIERUNG 4/2026


 

Gleich die erste Tür rechts in unserem Haus führt in mein Zimmer, liebevoll Arbeitszimmer genannt, obwohl ich darin weitaus mehr mache als arbeiten. Es ist für mich ein Raum wie für andere die Werkstatt oder die Garage. Umgeben von Büchern und Bildern, sitze ich an meinem großen Schreibtisch, der mich durch so manche Wohnung begleitet hat, lese vor mich hin, höre Musik, denke nach, schreibe Tagebuch, verfasse meine Publikationen, höre bei offenem Fenster den Vögeln im Garten zu. Ganz für mich allein, aber nie einsam.  

Wenn ich aus diesem Zimmer heraustrete, bin ich mittendrin in unserem Familienleben, das wir maßgeblich in unseren vier Wänden gestalten, abgeschirmt durch Mauern, Fenster und Türen. Vom Keller bis zum Dachboden breiten wir unser Zusammenleben aus. Entstanden ist ein Nest für die Kinder, von dem aus Erkundungen in die weite Welt sicher möglich sind. Zugleich ist ein Zuhause nie nur pure Romantik, sondern auch Kampfarena der unterschiedlichen Interessen und Meinungen. Es wäre gelogen zu behaupten, das gäbe es bei uns nicht. Räume, die wir mit anderen teilen, müssen permanent vermessen und abgesteckt werden. Nur wenn alle Mitbewohner Luft zum Atmen finden, kann wahre Intimität entstehen.

Vor der Haustür pulsiert in unserer Kleinstadt nicht gerade das Leben, und doch begegne ich unterschiedlichen Menschen. Einige, besonders die, die um uns herum wohnen, sind uns zu Nachbarn geworden. In der Nähe dieser Menschen fühlen wir uns wohl und haben teil am Erwachsenwerden der Kinder, am plötzlichen Tod des Familienvaters, helfen uns mit Gartengeräten oder Bierzeltgarnituren aus und feiern zusammen. Keine Freunde, aber Nächste.

So wie ich mir die Nachbarschaft, aber nicht die Nachbarn aussuchen kann, ist es auch mit der Arbeit. Ich entscheide mich für ein Unternehmen und eine Stelle, treffe dort aber auf Kolleginnen und Kollegen, die schon da sind oder später dazukommen. Mit manchen bin ich mehr, mit anderen weniger auf einer Wellenlänge. Das fordert mich sozial und intellektuell heraus. Diese Anstrengung wird nicht in erster Linie durch Geld belohnt, sondern durch den erweiterten Lebens- und Erfahrungsraum, der meinen Tag strukturiert, mich mit Menschen anderen Alters und anderer Profession zusammenbringt und meine Weltwahrnehmung bereichert.  

Und doch bleibe ich weitgehend in meiner Blase der Sozialen Arbeit und der Kirche und muss mich nur begrenzt mit anderen Denk- und Lebensweisen auseinandersetzen. Der Fußballverein meines Sohnes ist eigentlich nicht mein Raum, und doch habe ich mittelbar an ihm Anteil. Unter den Eltern nehme ich eine Gemeinschaft wahr, der ich distanziert begegne. Nicht weil ich die Menschen nicht sympathisch fände, sondern weil ich mit Fußball nichts anfangen und die Begeisterung für Samstage auf dem Platz nicht teilen kann.  

Ich kehre stattdessen lieber in mein Arbeitszimmer zurück, schließe mich ein und versuche mich an einer kleinen Phänomenologie meiner Sozialräume. Bei Gaston Bachelard lese ich von einer „Dialektik des Drinnen und Draußen“, die sich in einer „Dialektik des Offenen und des Geschlossenen“ wiederholt. So eindeutig ist es mit sozialer Teilhabe in den unterschiedlichen Räumen offenbar nicht. Die Balance zwischen Alleinsein und Mitmachen, Zuschauen und Fernbleiben, Schwellenangst und Dazugehören ist nicht einfach zu finden.

 

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