Sport und Inklusion – miteinander in Bewegung

Sport und Inklusion – miteinander in Bewegung

Begrüßungsrede zum Jahresempfang des Bathildisheim 2026

Wer einen Marathon läuft, braucht Ausdauer. Wer Menschen begleitet, die ihren eigenen Weg gehen möchten, auch. Beim diesjährigen Jahresempfang des Bathildisheim e. V. im Bürgerhaus Bad Arolsen ging es deshalb um mehr als Sport. Es ging um Vertrauen, Geduld, innere Stärke und Inklusion – auch unter schwierigen Umständen.

In meiner Begrüßungsrede habe ich diese Zusammenhänge beleuchtet. "Inklusion beginnt dort, wo Menschen nicht schon vor dem Start aussortiert werden. Wo jemand ermutigt wird, loszulaufen. Oder mit einer einfachen Frage: Spielst du mit?“ Die Rede kann hier nachgelesen werden.


 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, liebe Freundinnen und Freunde des Bathildisheim,

ich heiße Sie herzlich willkommen zu unserem Jahresempfang. Wie schön, dass Sie heute Abend hier sind.

Ich freue mich, an diesem Abend Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Verwaltung bei uns zu haben – Menschen, die mit ihren Entscheidungen Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Inklusion wachsen und gelingen kann. Ich freue mich über unsere Kooperationspartner aus dem Sport, die wissen, dass ein Verein mehr ist als ein Spielbetrieb. Und ich freue mich über alle, die dem Bathildisheim seit Jahren verbunden sind – aus der Wirtschaft, den Banken, den Medien und Kirchen, der Zivilgesellschaft und der Sozial- und Gesundheitswirtschaft. Nur mit vereinten Kräften kann Inklusion gelingen.

Manche von Ihnen sind vielleicht ganz gelassen angekommen. Andere haben auf dem Weg hierher schon ihre erste kleine sportliche Herausforderung bestanden: die Suche nach einem Parkplatz. Aber gleich, mit welchem Puls Sie diesen Raum betreten haben – heute Abend gilt: Niemand ist zu spät. Niemand fällt heraus. Wer da ist, gehört dazu. Das ist ein guter Anfang für einen Abend, an dem es um Sport geht. Und um Inklusion. Um Bewegung also – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Sport ist in Deutschland eine große gesellschaftliche Kraft. Millionen Menschen sind in Vereinen aktiv. Das erzählt von Plätzen, Hallen, Trainingszeiten, Vereinsheimen, Fahrgemeinschaften und Ehrenamt. Es erzählt davon, dass Sport weit mehr ist als Freizeit. Er ist ein Stück öffentlicher Alltag. Sport kann beflügeln. Er kann Menschen stark machen, frei, mutig, lebendig. Aber er kann auch erinnern: an Mannschaftswahlen, bei denen manche immer zuletzt aufgerufen wurden; an Umkleiden, in denen man sich unwohl fühlte; an Sportunterricht, der für einige mehr Prüfung als Spiel war.

Gerade deshalb ist Sport ein Spiegel. Er zeigt nicht nur, wie beweglich unsere Körper sind. Er zeigt auch, wie beweglich unser Denken ist. Und ob wir bereit sind, Regeln so zu verstehen, dass nicht nur die Schnellsten, Stärksten und Lautesten vorkommen. Damit sind wir mitten im Thema dieses Abends. Denn Inklusion beginnt dort, wo Menschen nicht schon vor dem Start aussortiert werden. Wo jemand ermutigt wird, loszulaufen. Und wo Ankommen mehr bedeutet als Gewinnen.

Nicht alle spielen gleich.
Aber alle sollen mitspielen können.

Nicht alle laufen schnell.
Aber niemand soll zurückgelassen werden.

Nicht alle brauchen dieselbe Unterstützung.
Aber jeder Mensch braucht die Erfahrung: Ich bin gemeint. Ich werde erwartet. Ich habe einen Platz.

Auch deshalb bleibt eine Frage zentral: Wie kann ein Land voller Sportvereine so in Bewegung kommen, dass wirklich alle selbstverständlich dazugehören? Diese Frage, liebe Gäste, bewegt uns als Bathildisheim. Für uns ist Inklusion nicht nur ein Fachbegriff für Konzepte. Inklusion hat Gesichter und Stimmen. Manchmal zeigt sie sich sogar rund um einen Fußball, eine Boccia-Kugel oder ein Trainingsgerät unter freiem Himmel. Man kann sie sehen, wenn die inklusive Fußballmannschaft des TuS Bad Arolsen auf dem Platz steht. Da geht es um Pässe und Tore, gewiss. Aber es geht noch um mehr: um Zutrauen, um Vertrauen, um Rücksichtnahme. Manchmal beginnt Inklusion mit einer einfachen Frage: „Spielst du mit?“ Und manchmal verändert diese Frage mehr als viele Programme. Weil sie sagt: Du bist nicht Zuschauer. Du bist Teil des Spiels. Aus einem ‚Kannst du das überhaupt?‘ wird ein ‚Was brauchst du, damit es gelingt?‘

Genau dafür steht unsere Initiative „Miteinander bewegt“. Sie wirkt weit über das Bathildisheim hinaus in den Landkreis hinein. Vor allem verkörpert sie eine Haltung: Menschen mit und ohne Behinderung treiben gemeinsam Sport. Mit Respekt vor unterschiedlichen Möglichkeiten und mit Freude an dem, was entsteht, wenn niemand auf seine Einschränkungen reduziert wird. Heute Abend ist diese Initiative nicht nur Thema meiner Begrüßungsrede. Ich kann Ihnen von Boccia und Fußball erzählen. Aber die eigentlichen Expertinnen und Experten dieses Abends stehen gleich im Foyer und freuen sich auf Ihre Fragen. Kommen Sie in Kontakt. Denn auch so beginnt Bewegung: im Gespräch miteinander.

Auch die Musik wird uns heute Abend bewegen. Ich freue mich sehr, dass My T-Sharp diesen Jahresempfang musikalisch begleitet. Musik lebt vom Zusammenspiel: vom Hören aufeinander, vom richtigen Einsatz, vom gemeinsamen Rhythmus. So entsteht aus vielen Stimmen ein gemeinsamer Klang – und auch das passt wunderbar zu diesem Abend.

Wenn wir heute über Sport und Inklusion sprechen, dann sprechen wir nicht nur über schöne Projekte. Wir sprechen auch über Rahmenbedingungen. Denn niemand kann mitspielen, wenn vorher die Zugänge geschlossen werden. Umso besorgter sehen wir, dass Teilhabe von Menschen mit Behinderung zunehmend unter Kostenvorbehalt gestellt wird. Inklusion ist aber kein Luxus für gute Zeiten. Sie ist ein Menschenrecht – und ein Prüfstein unserer Demokratie. Die jüngst öffentlich gewordenen Vorschläge einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe im Bundeskanzleramt zielen auf milliardenschwere Einsparungen. Von wirksamem Bürokratieabbau ist darin kaum die Rede; ebenso wenig von einer auskömmlichen Finanzierung der Kommunen, damit sie ihren Aufgaben in der Eingliederungshilfe gerecht werden können. Stattdessen droht ein Rückschritt in eine Zeit vor der UN-Behindertenrechtskonvention: pauschale Leistungen statt individueller Rechtsansprüche, große Wohnheime statt selbstbestimmter Wohnformen, Einschränkung des Wunsch- und Wahlrechts – kurz: Versorgung statt Teilhabe. Dann würden das Leben in der eigenen Wohnung und die Begleitung zum Sport wieder zur Ausnahme.

Unsere Demokratie aber braucht Inklusion. Nur wenn alle Menschen an Arbeit, Bildung, Sport und gesellschaftlichem Leben teilhaben können, entsteht ein vielfältiges und friedliches Miteinander. Wer äußere und innere Sicherheit will, darf soziale Sicherheit nicht schwächen. Wir brauchen mehr Inklusion – um der Menschen willen und um unserer Demokratie willen.

Nach diesen Gedanken zu Sport, Teilhabe und gesellschaftlicher Verantwortung freue ich mich nun auf eine Stimme, die Bewegung in besonderer Weise kennt: als körperliche Leistung, als mentale Herausforderung und als wissenschaftliches Thema.

Unsere Festrednerin ist Spitzensportlerin und Sportwissenschaftlerin. Sie weiß, was es heißt, sich Ziele zu setzen, Grenzen zu spüren, Rückschläge zu verkraften und Kräfte klug einzuteilen. Sie kennt die Disziplin langer Strecken, die Zweifel unterwegs – und das Weiterlaufen trotzdem. Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris lief sie den Marathon in 2:31:19 h und belegte Platz 38. Zugleich weiß sie: Sport ist mehr als Leistung. Sport kann eine Schule des Lebens sein. Sport stärkt Resilienz, schafft Selbstvertrauen und eröffnet Räume persönlicher Entwicklung. Liebe Frau Dr. Hottenrott, wir freuen uns, Sie heute im Bathildisheim begrüßen zu dürfen. Vielen Dank, dass Sie Ihre Erfahrungen und Einsichten mit uns teilen. Herzlich willkommen.

Meine Damen und Herren, ich möchte Sie heute Abend um etwas bitten. Nicht um eine Spende. Sondern um eine Frage. Eine, die Sie sich auf dem Heimweg stellen könnten: Wo in meinem eigenen Umfeld steht jemand am Rand des Spielfeldes – und was könnte ich tun, damit das anders wird? – Wenn diese Frage heute Abend mit nach Hause geht, dann ist schon etwas in Bewegung geraten.

Ich freue mich auf diesen Abend mit Ihnen: auf Begegnungen, Gespräche, neue Gedanken und auf alles, was wir gemeinsam bewegen werden. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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