Verliererkompetenz

Verliererkompetenz

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Wer will schon gerne verlieren. Und doch ist das Leben voller Überraschungen, und es geht nicht ohne die Erfahrung des Scheiterns. Für mich kommt es darauf an, wie wir mit diesen eher unschönen Erfahrungen umgehen. Der christliche Glaube ist eine mögliche Quelle, um auch die Tiefen anzunehmen und TROTZDEM weiterzumachen. Bei meinem Nachdenken habe ich einen Satz aus dem 1. Johannesbrief mit dem Begriff der "Verliererkompetenz" (Klaus Eidenschink) zusammengebracht.  


 

Verliererkompetenz

Wer spielt, will gewinnen. Das gilt für das Fußballspiel am Wochenende genauso wie für das Gesellschaftsspiel am Abend. Wer sich einem Wettkampf stellt, möchte am Ende auf dem Treppchen stehen, eine Medaille umgehängt bekommen oder wenigstens die Siegerurkunde in den Händen halten. Verlieren macht meistens weniger Spaß. So sind die Regeln. Und nicht nur im Sport. Auch im Beruf, in der Schule, manchmal sogar im Privatleben gilt: Erfolg zählt. Gewinnen ist besser als verlieren.

Mitten hinein in die Welt des Gewinnenmüssens ertönt der Wochenspruch aus dem ersten Johannesbrief:

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ (1 Joh 5,4)

Der Sieg, von dem hier die Rede ist, funktioniert offenbar anders als die Siege unserer Welt. Der Glaube verschafft uns keinen ersten Platz. Er garantiert keinen Erfolg und kein glückliches Leben ohne Krisen. Er macht uns nicht zu den Gewinnern eines Wettbewerbs. Vielmehr hilft der Glaube, etwas zu überwinden, was Leute von Welt haben. Sie kennen zum Beispiel die Angst, zu kurz zu kommen, den Drang, sich ständig mit anderen vergleichen zu müssen oder die Vorstellung, immer erfolgreich zu sein. Überwunden werden sollen die Verstrickungen in alte Festlegungen, die aktuelle Entscheidungen unmöglich machen. Man könnte sein Gesicht verlieren. Überwunden werden sollen die Erwartungen, die uns antreiben und zugleich unzufrieden zurücklassen.

Der Glaube eröffnet einen anderen Blick auf die Welt. Er erinnert uns daran, dass unser Wert nicht von Leistung abhängt. Dass ein Mensch auch dann wertvoll ist, wenn Pläne scheitern oder Träume unerfüllt bleiben. Der Glaube wird so zu einer Kompetenz, um ein befreites Leben zu führen: Geradezu eine Verliererkompetenz. Das klingt nicht gut in weltlichen Ohren und ist doch ein Ausdruck von himmlischer Widerstandskraft. Der Begriff stammt vom Münchner Psychologen Klaus Eidenschink und meint die Fähigkeit, Niederlagen anzunehmen und Enttäuschungen auszuhalten, um dann trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Offenbar ist genau das die große Stärke des Glaubens. Er schenkt uns Demut. Er lehrt uns, Grenzen zu akzeptieren. Und er spendet die Kraft, nach einer Niederlage weiterzumachen.

Wir brauchen diese Kompetenz. Es ist eine Überlebensfähigkeit. Denn es ist normal, mit Widersprüchen und Niederlagen zu leben. Auch Organisationen brauchen sie. Denn nicht jeder Wettkampf lässt sich gewinnen. Nicht jede Herausforderung lässt sich bewältigen. Nicht jeder Optimismus bewahrheitet sich.

Ein Glaube, der sich als Verliererkompetenz versteht, ist den Maßstäben dieser Welt oft fremd. Er folgt nicht den Regeln des Immer-mehr und Immer-erfolgreicher. Auch wenn der Glaube der Welt fremd bleibt, weltfremd ist er keineswegs. Im Gegenteil: Er macht uns fähig, in dieser Welt zu leben, ohne an ihren Maßstäben zugrunde zu gehen. Der Sieg des Glaubens wird uns als eine Befreiung vom Siegenmüssen angeboten. Demnach ist dieser Sieg ein Freiwerden: frei vom Zwang zu gewinnen, frei zur Demut und frei zur Hoffnung. So könnten wir siegen, obwohl wir verlieren.

 

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