Welt sichten - Ein kleiner Essay über Kunst
Die neue Ausgabe der ORIENTIERUNG ist erschienen. Ein Kunstheft! In meinem Editorial erkunde ich die Welt der Kunst und schließe damit, dass es die größte Leistung von Kunst sei, uns mit Fragen nach Hause zu schicken.
Für alle, die den Essay lesen wollen, stelle ich ihn hier zur Verfügung.
Ansonsten findet ihr den kleinen Essay in der ORIENTIERUNG 2/2026, S. 2.
Neulich war ich mit meiner Familie im Sprengel Museum in Hannover. Ein Familienausflug in die Welt moderner und zeitgenössischer Kunst. Die Aufgabe an alle lautete: Findet jeweils ein Werk, das euch positiv anspricht, und eines, das euch verstört. So zogen wir in unterschiedliche Richtungen los, betrachteten, bestaunten und befragten die Kunstwerke. Später trafen wir uns wieder, um uns in einem zweiten Rundgang unsere Fundstücke zu zeigen. Meine elfjährige Tochter machte den Anfang. Ihr verstörendes Kunstwerk war eine Videoinstallation der Künstlerin Pipilotti Rist aus dem Jahr 1992. Das Werk ist eine feministische Kritik an der männlich dominierten, kapitalistischen Pornografie. Den Titel „Pickelporno“ hatte sie nicht gelesen.
Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Wenn damit jedoch nicht bloß Vorlieben für oder gegen Gemüse gemeint sind, sondern unser Sinn für Ästhetik, dann lässt sich trefflich darüber diskutieren, was wir als schön oder verstörend empfinden. Geschmack fällt nicht vom Himmel. Er wird geprägt durch Erfahrungen, Vorlieben, Gewohnheiten, durch unseren Kunstkonsum und durch erlernte Beurteilungsschemata. Mit jedem Museumsbesuch verfeinern wir unseren persönlichen Geschmackscode, der – wie Hanno Sauer schreibt – auch Auskunft darüber gibt, welcher Klassenhierarchie wir angehören. Geschmack, Stil und Kultur sind die Währung unseres kulturellen Kapitals.
Es macht einen feinen, aber entscheidenden Unterschied, die Videoinstallation als verstörendes Kunstwerk vorgestellt zu bekommen, über ihre Bedeutung zu sprechen und mir ein eigenes Urteil zu bilden. Es macht überhaupt einen Unterschied, vor einem Kunstwerk zu stehen und es zu verstehen. Und das unabhängig davon, ob wir es als schön oder hässlich einordnen. Denn „Kunst und Kultur“, schreibt Saša Stanišić, „sind nicht schmückendes Beiwerk, sondern Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe. Gerade jenen Menschen, die oft übersehen bleiben, geben sie Sprache, Bilder und Räume, um sich und ihre Welt zu zeigen.“
Auf unserem Rundgang kamen wir auch bei Anselm Kiefer, Käte Steinitz und El Lissitzky vorbei. Solche Abenteuerreisen – ob auf den Spuren der Abstraktion oder in die Welt der Alten Meister – lassen uns hinter Türen schauen und neue Welten entdecken. Am Ende kaufte mein Sohn eine Postkarte. Franz Kline, schwarze Striche auf weißem Grund. Und ich fragte nicht, warum. Manchmal muss Kunst nicht erklärt werden. Es reicht, wenn sie etwas in uns berührt oder verstört. In einer Welt der vorgestanzten Antworten ist das wahrscheinlich die größte Leistung von Kunst: uns mit Fragen nach Hause schicken.